Ich mag Dich/ mich nicht

Konditionierung "Ich mag dich/mich nicht"

Das Duldungsspektrum des Nichtmögens ist praktisch bis zum Ende erschöpft und könnte nun zu einem Umschlag, der dramatische Formen annehmen kann, führen. Das Szenarioprofil zeigt eine deutliche, generalisierte Abwehrbereitschaft und -haltung, mit stark ausgebildeter Blockade der Kommunikation unterschiedlicher Inhalte und Werte im Empfindens- und Denkbereich des Patienten. Er hat also sehr frühzeitig begonnen, verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander stehen zu lassen, ohne sie miteinander zu verbinden oder dies durchgängig zu versuchen. Es versteht sich, daß daraufhin ein enormer Stau in einzelnen solcher Wirklichkeitsfelder entsteht, vor allem dann, wenn ihre Inhalte anderen widersprechen und dadurch Konflikte aufgebaut werden, die weit über die Fassungsmöglichkeiten der Persönlichkeitsstruktur hinausgehen. Bei dem Patienten handelt es sich offenbar um eine postpartale Traumatisierung, die etwa folgenden Kontext haben könnte: Nach der Geburt bestand eine sehr unterschiedliche Akzeptanz des Neugeborenen seitens der Betroffenen (Mutter, Vater, evtl. Geschwister oder nähere Verwandtschaft, einschl. Arzt, Pflegepersonal, etc.). Es muß zu großen Diskrepanzen in dieser Akzeptanz gekommen sein, - zwischen völligem Annehmen und entsprechender Zuwendung bis zum Ablehnen, Strafen oder gar Entziehen von Gegenwart. Wahrscheinlich ist, daß der existenzielle Wert der Personen, die einen solchen Kontrast erzeugten, ähnlich gleichwertig war, z.B. Mutter und Hebamme oder Mutter und Amme oder Mutter und Pflegeschwestern. Das heißt: Das Neugeborene war von beiden in etwa gleicher Art abhängig, wurde aber von beiden in völlig unterschiedlicher Art behandelt. Zur Erfüllung der Lebensbedürfnisse bleibt dem Neugeborenen nichts anderes übrig, als beide, welche seine Existenz erhalten, zu akzeptieren, wenngleich deren Zuwendung unterschiedlich ist. So kommt es zu einer Abspaltung nicht der Wahrnehmung, sondern der Verarbeitung der Wahrnehmung. D.h. das Kind lernt, daß unter dem Aspekt des gleichen Ziels im einen Falle eine euthetische und im anderen eine dysthetische Struktur wirkt. Diese sind nicht vereinbar, also müssen sie in unterschiedlichen Bewußtseinsfeldern aufbewahrt und erlebt und reagiert werden. So stellt sich das Kind dann, angesichts der euthetischen Person lächelnd und erwartungsvoll ein und bekommt daraufhin seine Zuwendung in Form von Zärtlichkeit oder Nahrung und angesichts der dysthetischen Person stellt es sich in der gleichen Weise ein, erwartet zur Nahrung keine Zuwendung, sondern eher ein entsprechend schmerzhaftes Programm. Diese beiden Kontraste stufen sich natürlich gemäß den weiteren Personen, die an dem Spiel teilnehmen, ab.

In der Folge kann es dem Patienten nicht gelingen, ein einheitliches Reaktionsschema anderen und schließlich auch sich selbst gegenüber zu gewinnen, da die traumatisierenden Kontrasterfahrungen zu sehr regelbildend für das Leben geworden sind. In der menschlichen Erfahrung spielt die abgrenzende, dysthetische Wirklichkeit eine größere Rolle als die euthetische, wenngleich das Prinzip Hoffnung die euthetische immer überproportional darstellt. Das bedeutet, daß der traumatisierende Aspekt im Leben des Patienten einen größeren Anteil gewonnen hat, als der lösende, euthetische. Daraus resultiert eine generelle Aggression gegen alles, was ansatzweise dysthetisch ist, angefangen von der eigenen Persönlichkeit bis zu jedem beliebigen menschlichen, oder auch anderen lebendigen Wesen in der näheren Umgebung. Mit solch einer Haltung zu leben ist sehr schwierig, da kein Vertrauen gebildet werden kann und hinter jeder Begegnung immer die Frustration des Abgewiesenseins oder aber die Erniedrigung erfahren wird, nämlich, sich anpassen zu müssen um etwas zu bekommen oder zu erreichen, was mehr oder weniger lebensnotwendig erscheint. Eine Lösung des Problems kann nur erfolgen, wenn der Patient lernt, daß die einstmals von außen an ihn herangetragenen dysthetischen Strukturen, die er nun auch an sich selbst haßt, nicht seine eigenen sind. Er muß lernen, daß er nur über die Selbstliebe, d.h. das Akzeptieren dessen, wie er ist, seine Probleme lösen wird und nicht über das Beurteilen dessen an sich, was er meint, sein zu müssen oder wo er meint, Korrekturen anbringen zu müssen, wenn er sich fiktiv aus sich selbst heraus stellt und sich zu betrachten bemüßigt.

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